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FIFA Football 2003

geschrieben von Sascha Gläsel

Hersteller: EA Sports
Genre: Sportspiel
System: GameCube, PAL-Version
Besonderheiten: Massig Original-Teams, Ligen und Spieler; benötigt Memory Card (54 Blöcke); komplett deutsch
USK (ESRB): keine Altersbeschränkung
Spieler: 1 - 4
Testmuster von: eigene Anschaffung

Nach der unvermeidlichen Weltmeisterschaftsausgabe der beliebten FIFA Reihe bekommt ihr hierzulande mit "FIFA Football 2003" nun erstmals die volle EA Sports Fußballdröhnung für Nintendos GameCube. Mit massig Originalteams, Stadien, Ligen und Wettbewerben will Electronic Arts punkten. Doch bedeutet Masse auch Klasse?

Cover FIFA 2003 GameCubeDank umfangreicher Lizenzen in der Hinterhand schlummern 14 verschiedene Ligen samt Original-Teams und Spielern auf der Mini-DVD, darunter bekannte wie die Bundesliga, die italienische Serie A oder die englische Premiere League und weniger bekannte wie die Major Soccer League (USA) oder die Korea League. Dazu gibt es Nationalmannschaften, zweitklassige Mannschaften und bekannte Teams aus Landesmeisterschaften, die in "FIFA 2003" keine Berücksichtigung gefunden haben. Eine Club Championship zum Beispiel - aus lizenzrechtlichen Gründen FIFA's Äquivalent der Champions League - ohne so bekannte Vertreter der Marke Galatasaray Istanbul oder FC Porto wäre ansonsten nur halb so authentisch.

Lizenzen bis zum Abwinken
Auch die Anzahl an Wettbewerben ist vielfältig. Es locken unter anderem die Club Championship, der normale Ligabetrieb, bei dem ihr eure Mannschaft über fünf Jahre samt nationale und internationale Pokalbegegnungen an die Spitze führt oder diverse Turniere, entweder vorgegebene Veranstaltungen oder von euch entworfen. Eine Mischung aus Nationalmannschaften und Ligateams hat schließlich auch seinen Reiz. Dabei habt ihr die Wahl, ob ihr eine reine K.O. Runde spielt oder eine eigene Ligasaison mit oder ohne K.O. Runde abhaltet. Trainingsmöglichkeiten, bei der ihr die Steuerung oder Standardsituationen einüben könnt, sucht ihr dagegen vergebens.

Die fünfjährige Saison kommt nicht ganz an den Franchise Modus zum Beispiel eines "NHL 2003" aus gleichem Hause heran. Dies liegt vor allem an den Werten der Spieler. Es gibt bei Karriereende kein ausscheiden älterer Spieler und keine verbesserten oder heruntergehenden Werte für Kicker, die entweder durch konstant gute Leistungen oder regelmäßige grottenschlechte Darbietungen aufgefallen sind. Vertragsverhandlungen müssen ebenfalls nicht geführt werden. Lediglich Transfers sind möglich. Die Transfersummen ändern sich von Jahr zu Jahr aber genau so wenig wie die Eigenschaftswerte der Spieler.

Simulation oder Arcade?
Habt ihr euch für einen Wettbewerb entschieden liegen noch weitere wichtige Entscheidungen an bevor es auf den Platz geht. Beim ersten Spiel in "FIFA 2003" werdet ihr gefragt, ob ihr lieber im Simulations- oder Arcademodus spielen wollt. Nicht leichtfertig einfach eines der beiden Punkte anklicken. Denn die einmal getroffene Entscheidung ist entgegen der gegenteiligen Behauptung in der Anleitung bindend, da ihr diese nicht wieder beliebig ändern könnt. Hierzu müßt ihr entweder euren alten Spielstand komplett löschen oder eine neue Memory Card verwenden. Groß scheinen die spielerischen Unterschiede aber nicht zu sein. Sie betreffen offenbar vor allem Punkte, die ihr in den Optionen später noch einzeln beliebig ändert.

Versierte Trainer, die von der Aufstellung über die taktische Marschrichtung bis hin zur Position einzelner Spieler auf dem Feld alles gerne selber individuell regeln, sind bei der neuen FIFA Inkarnation an der falschen Adresse. Bei der Taktik wählt ihr lediglich Standardformationen, wie 4-4-2 oder 5-3-2. Ein Teil dieser Aufstellungen liegen in einer offensiven oder defensiven Variante vor. Einzelnen Spieler bestimmte Aufgaben zuzuweisen, wie die Außenverteidiger zu verkappten Außenstürmern zu machen, Mittelfeldakteure in die Sturmspitze zu beordern oder Stürmer in Manndeckung zu nehmen, sind nicht vorgesehen. Lediglich die Schützen bei Standardsituationen legt ihr selbst fest.

Realismus mit kleinen Fehlern
Ebenfalls negativ: Ihr habt keinerlei Möglichkeiten, von den Programmierern verbockte Eigenschaftswerte wieder gerade zu rücken oder eigene Spieler und Teams zu basteln. Als gebürtiger Dortmunder Jung' habe ich mich natürlich zuerst dem BVB gewidmet und war bass erstaunt, dass der beste Stürmer der westfälischen Borussia nach seiner bärenstaren Saison 2001/2002 nicht etwa Amoroso sondern Guiseppa Reina sein soll, der vor seinen vielen schweren Verletzungen gerade mal zum stark erweiterten Kreis der Nationalmannschaft gehörte. Dass "FIFA 2003" ein Sörensen darüber hinaus besser als Ewerthon einschätzt liegt meines Erachtens auch abseits der Realität. Dafür stimmen die zugewiesenen Positionen der Spieler aber im Großen und Ganzen.

Das Geschehen auf dem Platz entschädigt dann für den ein oder anderen kleinen Mangel bei den Taktikeinstellungen. Wie von EA Sports gewöhnt, verwöhnen lebensechte und flüssige Animationen die Spieleraugen. Auch das Drumherum stimmt. Hervorragend mitgehende Fans sorgen für prickelnde Stadionatmosphäre, wobei die getreuen Anhänger zum Bleistift von Borussia Dortmund sogar realistische Gesänge zum Besten geben. Lediglich das Kommentatorenduo mit Florian König und Tom Bartels prominent besetzt hält da nicht ganz mit. Zwar gibt es neben der ein oder anderen 08/15 Phrase durchaus Emotionales zu hören. Dafür liegen sie ab und an mit ihren Sprüchen voll daneben.

Prickelnde Stadionatmosphäre
Auf den Rängen seht ihr Fahnen flattern oder über der Brüstung hängen, euphorisch jubelnde Fans und ein wenig bengalisches Feuer. Bei den Stadien findet ihr vor allem die authentischen Fußballtempel großer Vereine rund um den Globus auf der DVD wieder. Einige allerdings wollen erst freigespielt werden. Bei den Kickern selbst erkennt ihr die großen Stars sofort wieder dank realistisch modellierter Gesichter der virtuellen Ballartisten. 08/15 Akteure dagegen ähneln ihren realen Vorbildern nur oberflächlich.

Die Präsentation der Spiele ähnelt einer Fernsehübertragung. Vor dem eigentlichen Anpfiff seht ihr die Spieler sich gut zuredend oder anfeuernd aufs Feld trotten. Fouls oder gute Torchancen werden in einer automatischen Wiederholung noch einmal in Slowmotion gezeigt. In der Halbzeitpause sowie nach Abpfiff bekommt ihr sogar die wichtigsten Szenen des Spieles wieder zu Gesicht. Haken an der Sache: Nur wenn eine Situation unterbrochen wurde, in dem der Ball zum Beispiel ins Aus oder ins Tor rollt oder der Schiedsrichter gepfiffen hat, findet sie auch ihren Weg in die Highlights. Trefft ihr dagegen die Latte und das Spiel geht anschließend normal weiter, dann werdet ihr eine solche Szene nicht zum Halbzeittee oder im Nachgang betrachten können.

Viele Kameraperspektiven - Oh weh!
An Kamerperspektiven herrscht mit acht verschiedenen kein Mangel. Dummerweise kommen alle grundsätzlich nicht ganz an das Optimum heran. Einige sind gar nur sehr eingeschränkt spielbar. Der Grund liegt im fehlenden Feintuning, da alle Perspektiven unveränderbar sind. Bei der einen Ansicht ist die Kamera sehr nahe dran, was zwar die Spieleranimationen gut zur Geltung kommen aber die dringend nötige Übersicht vermissen läßt. Die etwas weiter vom Geschehen entfernten Kameraperspektiven bieten zwar gute bis sehr gute Übersicht. Doch sind die Spieler winzig. Besser wäre es gewesen, hätte sich EA Sports auf drei oder vier Perspektiven beschränkt und dafür die Möglichkeit eingebaut, den Kamerawinkel und die Zoomstufe in mehreren Schritten den eigenen Befindlichkeiten anpassen zu können.

Bei der Steuerung hat sich in "FIFA 2003" wohl am meisten getan. Die Macher haben sich sichtbar bemüht ein simulationslastigeres Geschehen auf den grünen Rasen zu zaubern. Dies macht sich vor allem in der Ballkontrolle der Kicker bemerkbar. Die Pocke klebt nicht mehr fast tot an den Tretern der Spieler, sondern springt bei der Ballannahme etwas vom Fuß und wird bei Sprints etwas vorgelegt. Die Folge: Versierte Verteidiger reißen sich abhängig vom Schwierigkeitsgrad mal mehr, mal weniger erfolgreich per Rempler oder Grätsche den Ball unter den Nagel. Während der Rempler foulresistent ist, setzt es bei falsch getimeten Gegrätsche öfter mal ein deftiges Foul mit unvermeidlichem Schiedsrichterpfiff.

Neue Steuerung
Für Dribblings und den dazu benötigten Tricks muss der C-Stick herhalten. Einen konkreten Trick führt ihr dabei aber nicht vor. Welcher schließlich gezeigt wird, hängt in erster Linie von eurem Spieler ab. Am häufigsten sind Antäuschen oder Übersteiger. Drückt ihr den C-Stick in Laufrichtung wird der Ball weit vorgelegt, damit ihr auch in einem Laufduell mit einem Verteidiger eine kleine Chance habt. Dribblings gelingen in höheren Schwierigkeitsgraden nur mit versierten Ballkünstlern. Durch schnelle Richtungswechsel mit dem Control-Stick narrt ihr durchschnittliche Verteidiger, verschafft euch aber auch gegen Weltklassedefender ein wenig kostbaren Raum.

Zwei Arten von Pässen stehen euch zur Verfügung. Da wäre der normale Sicherheitspass, der in der Regel direkt auf den Mitspieler in Blickrichtung zuläuft. Achtet aber darauf, dass zwischen Passgeber und Empfänger kein Kicker des anderen Teams steht, sonst seit ihr den Ballbesitz los. Außerdem spielt ihr einen Pass in den freien Raum. Dieser ist zwar schwieriger erfolgreich anzubringen. Dafür ist er aber gerade im Angriff dazu prädestiniert, den Ball in den Rücken der Abwehr oder in klaffende Lücken zu tragen. Allerdings solltet ihr den Passempfänger vorher manuell in die Gasse schicken. Von alleine macht er dies nicht mit dem gebotenen Enthusiasmus. Durch Knopfdruck beordert ihr eure Mitspieler manuell zu einem Sprint in den hoffentlich freien Raum.

Das Kopfballproblem
Kopfbälle sind das Stiefkind von "FIFA 2003". Um einen Kopfball zu tätigen müsst ihr zum richtigen Zeitpunkt den entsprechenden Button drücken. Das Timing ist von den Programmieren aber so diffizil gewählt, dass selbst ein Kopfballungeheuer wie Jan Koller trotz besserer Stellung zum Ball selten als Sieger aus einem solchen Duell hervor geht. Das macht auf der einen Seite hohe Flanken im Angriff weniger aussichtsreich, läßt auf der anderen Seite aber zum Beispiel gegnerische Eckbälle in den beiden höheren von vier Schwierigkeitsgraden zu Großchancen mutieren falls ihr das korrekte Timing nicht drauf habt.

Bei Eckbällen und Freistößen in Tornähe hat sich EA Sports etwas besonderes ausgedacht. Zunächst peilt ihr mit einem Zielkreis den Bereich des Tores an, den ihr treffen wollt. Ähnlich dem Schwungmeter eines Golfspieles muss dann eine hin und her schwenkende Linie (je nach Fähigkeiten eures Akteurs mal mehr mal weniger schnell) möglichst im schmalen grünen Bereich einer halbkreisförmigen Anzeige zum Stillstand gebracht werden, damit der Freistoß oder der Eckball mit maximaler Präzision ausgeführt wird. Zudem legt ihr bequem per C-Stick noch ein bisschen Effet in den Schuss. Habt ihr den Dreh erst einmal raus, entwickeln sich Freistöße in Straufraumnähe zu brandgefährlichen Aktionen.

Merkwürdigkeiten und Ungereimtheiten
Ein paar Ungereimtheiten trüben den Spielgenuss etwas. Im Angriff hat die künstliche Intelligenz der Computerkollegen und Gegner durchaus seine guten Momente. In der Defensive wurde ihnen aber zu viel "Position halten" eingetrichtert. Da laufen schon mal Außenverteidiger von einem Angreifer weg auf ihre Außenbahn statt den eine Lücke in der Innenverteidigung nutzenden Kontrahenten zu attackieren. Der Computertorhüter schießt auch den ein oder anderen Bock. Vor allem das ab und an zu frühe Herauslaufen führt zu vermeidbaren Torgelegenheiten. Es sei denn, ihr habt ihn manuell von der Torlinie beordert. Dann dürft ihr aber nicht die KI beschuldigen, wenn das Ei in eurem Tor landet.

Ein Lapsus, der einem FIFA Spiel eigentlich nicht passieren sollte: Auswechslungen werden nur dann ausgeführt, wenn der Ball im Toraus oder im Kasten landet. Besonders heikel, wenn einer eurer Spieler so gefoult wurde, dass er verletzt ist und ihr ihn umgehend austauschen wollt. Zwar gelangt ihr noch vor dem Ausführen des Freistoßes in das Team-Management Menü, in dem ihr vermeintlich die Auswechslung vornehmt. Doch ausgeführt wird sie frühestens bei der nächsten Unterbrechung, bei der der Ball über die Linie ins Aus oder ins Tor rollt. Bei Freistößen dagegen will es nicht klappen. Einziger Trost: Den vom Computer gesteuerten Teams geht es genau so.

54 Blöcke - wozu eigentlich?
Darüber hinaus ist es mir bis heute nicht gelungen, die eigene Mauer bei Freistößen hoch springen zu lassen oder die Anzahl der Männeken in der Mauer zu ändern. Weitere allerdings seltener vorkommende Merkwürdigkeiten: Bei manchen Elfmetern steht der Torhüter nicht auf der Linie, sondern gut zwei Meter davor. Rückpässe zum Torhüter rollen einfach ins Toraus, weil der Keeper hinter die Linie läuft um den Ball anzunehmen. Auch ärgerlich: Hat der Goalie den Ball knapp neben dem Tor mit einer heldenhaften Parade unter sich begraben wirft er sich dabei viel zu oft ins Aus und verursacht so einen Eckball. Nochmal Torwächter: Leicht abgefälschte Bälle rollen ihm manchmal obschon er scheinbar eine korrekte Ausholbewegung mit dem Fuß macht, durch die Beine ins Tor.

Beim Speichern geht EA Sports mal wieder in die Vollen. Satte 54 Blöcke reserviert "FIFA 2003" für sich. Darin finden fünf Spielstände Platz, ob ihr sie nun wirklich benötigt oder nicht. Ihr könnt euch also fleißig in verschiedenen Wettbewerben parallel austoben. Wie man dies intelligenter löst, hat "ISS 2" von Konami gezeigt, dass sich für jeden Wettbewerb/Spielstand einzeln den knappen Speicher auf einer Memory Card abknappst.

fazit

Auch wenn ihr meinen könntet, die vielen aufgeführten Mängel machten "FIFA Football 2003" zu einem schlechten Fußballspiel, der ist schief gewickelt. Das durchaus simulationslastige Geschehen auf dem Platz macht trotz vieler kleinerer Ungereimtheiten enorm viel Spaß. Denn gerade in den beiden höheren Schwierigkeitsgraden machen euch die Computergegner dank ordentlicher KI das Toreschießen nicht gerade einfach. Um so befriedigender, wenn ihr durch kluges Kombinationsspiel euren Stürmer in aussichtsreiche Position gebracht habt und mit Schmackes die Pocke in die Maschen wuchtet. Zumal ihr keine Fantasieteams und Spieler zu Titel und Ehren führt, sondern reale Akteure.

Ansonsten ist auch die neueste Ausgabe wieder typisch "FIFA". Massig Lizenzen bekannter Ligen, Teams und Spieler mitsamt der leider obligatorischen Fehlerchen bei einigen Spielerwerten. Doch gerade die vielen echten Teams und Kicker machen "FIFA Football 2003" einen Tick besser als Konamis "ISS 2", welches vor allem mit seiner Masse an taktischen Einstellungen punktet. Würde EA dies in ähnlicher Form samt Spieler-Editor in "FIFA 2004" integrieren, die kleinen Fehlerchen (z.B. der Auswechselfehler) beseitigen und den Kick noch simulationslastiger anlegen, dann käme dies verdammt nahe ans Optimum heran. Ansonsten bleibt Hardcore Soccer Fans nur die Hoffnung auf eine PAL-Umsetzung von Konamis hochgelobten "Winning Eleven 6", in unseren Breiten als "Pro Evolution Soccer 2" bekannt (sag).


grafik: 8.0 | sound: 9.0 | gameplay: 8.5 | gesamt: 8.5
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