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Conker's Bad Fur Day

geschrieben von Sascha Gläsel

Hersteller: Rare / Nintendo
Genre: 3D Jump´n´Run
System: Nintendo 64, US-Version
Besonderheiten: unterstützt Rumble- und Expansion Pak, drei Spielstände auf Modul, Dolby Surround
USK (ESRB): M(ature)
Spieler: 1 - 4
Testmuster von: eigene Anschaffung

Als Rare zur E3 Messe 1997 gleich zwei 3D Jump´n´Runs der Öffentlichkeit vorstellte, war die Fachwelt verblüfft. Warum entwickelten die Macher von Rare zwei spielerisch so ähnliche Titel zur gleichen Zeit? Während von ersterem, das als "Banjo Kazooie" 1998 erschien, bereits ein Nachfolger veröffentlicht wurde, geriet das zweite Game, bei dem zwei Eichhörnchen namens Conker und Berry die Hauptrollen spielten, in Vergessenheit. Erst Anfang des Jahres tauchte das Spiel als "Conker's Bad Fur Day" wieder aus der Versenkung auf. Und wie ...

War das Game 1997 und den Jahren danach noch als niedliches 3D Gehüpfe ausgelegt, verblüfften die Entwickler von Rare die Spielergemeinde erneut. Denn auf einmal gab es keine niedlichen Figuren mehr, die durch liebliche Level laufen und springen, sondern knallharte Action mit Blut ohne Ende, vulgäre und ordinäre Texte bis zum Abwinken sowie völlig abgedrehte Locations und Charaktere. Was euch so alles passieren kann, wenn ihr als Eichhörnchen von Welt eure Freundin anlügt um mit euren Kumpels ungestört einen zu heben und um die Häuser zu ziehen, erlebt ihr hautnah in "Conker's Bad Fur Day".

Conker geht ein Licht auf
Mit einem riesigen Kater erwacht euer Held auf einer grünen Wiese, total desorientiert und fern der Heimat. Gut, dass eine ebenfalls ziemlich mitgenommene Vogelscheuche namens Birdy euch den Weg weist, in dem sie euch die Benutzung des wohl wichtigsten Utensils dieses Spieles erläutert. Gemeint ist die Bodenplatte mit dem aufgemalten großen "B", welches die unterschiedlichsten Sachen bewirkt. Wenn über Conker dort eine Glühbirne aufleuchtet heißt es schnell "B" drücken. Praktischerweise wird dann eine nützliche Aktion eingeleitet oder ihr bekommt einen Gegenstand ausgehändigt, der für das Fortkommen oder das Lösen einer Aufgabe von entscheidender Bedeutung ist.

Zwar spielt sich "Conker's Bad Fur Day" zunächst wie ein herkömmliches 3D Jump'n'Run Marke "Banjo Tooie", doch steht weniger das Sammeln von Gegenständen als das Lösen von meist völlig skurilen Aufgaben und Rätseln im Mittelpunkt. Was zunächst so harmlos mit dem Zurückbringen eines gestohlenen Bienenstocks zu einer unglücklichen Bienenkönigin anfängt, steigert sich schon bald zu total abgedrehten Einlagen. Da sorgt ihr dafür, dass Kühe Durchfall bekommen um für einen Mistkäfer den Pegel eines Güllereservoirs in die Höhe zu treiben, helft einem abgehalfterten Bienenkönig eine Sonneblume Marke "Pamela Anderson" zu bestäuben oder führt als Fledermaus eurem Urahn, der zufällig ein Vampir ist, Frischfleisch in Form unglücklicher Bewohner zu.

Linearität ist Trumpf
Der Spielablauf ist dabei sehr linear. Auf der Oberwelt, die den Zugang zu allen weiteren Level verbirgt, tollt ihr zwar recht frei herum. Es geht aber immer nur an einer bestimmten Stelle weiter. Wenn ihr außerdem im weiteren Spielverlauf einen neuen Abschnitt betretet, kommt ihr meist erst wieder zur Oberwelt, wenn ihr ihn komplett absolviert habt. Ihr findet zwar auch andere potentielle Leveleingänge, kommt dort aber meist nicht weiter, da euch in der Regel bestimmte Grundvoraussetzungen fehlen. Das kann eine noch nicht erworbene Fähigkeit sein, eine noch nicht gelöste Aufgabe, dass ihr einen bestimmten anderen Abschnitt noch nicht hinter euch gebracht habt oder euch fehlen einfach nur zum Weiterkommen ein paar Geldscheinen.

Zu Beginn eures Treibens fröhnt Conker nämlich der Jagd nach dem schnöden Mammon. Gut versteckt harren vorlaute Geldscheinbündel darauf, von euch vereinnahmt zu werden. Vorlaut deshalb, weil die Scheinchen schon aus einiger Entfernung nach euch rufen und sich nicht scheuen euch dabei auch noch gleich ein wenig zu verspotten. Klar, einige Geldbündel bekommt ihr erst, wenn ihr ein paar Leutchen tatkräftig unter die Arme gegriffen habt, andere gibt es nach zum Teil knackigen Hüpfeinlagen. Tunlichst keine übersehen, denn sonst kommt ihr im Spiel nicht weiter.

Vorsicht: Bewaffnetes Eichhörnchen
Zudem setzt euch eine aggressive Gegnerschar hart zu. Klar, auch hier schlägt der typisch britische schwarze Humor der Entwickler voll durch. Und dass nicht nur bei den Waffen, mit deren Hilfe ihr euch ihrer erwehrt. Am Anfang besteht eure Ausrüstung nur aus einer alten Bratpfanne, mit der ihr kräftig austeilt. Später verschießt ihr mit einer Schleuder Kastanien auf riesige Käfer, ballert mit einer Schrotflinte Eichhörnchenzombies ab, heizt Fledermäusen mit einem kleinen Flammenwerfer ein oder haltet euch gemeingefährliche Tediz mit zwei Uzi Maschinenpistolen vom Leib. Am ungewöhnlichsten geht ihr gegen Feuerkobolde vor. Conker füllt sich unter einem Bierfass bis Oberkante Unterlippe mit dem Gerstensaft ab um dann seine Blase auf den Feuerwesen zu erleichtern bis sie "gelöscht" sind. Danach torkelt euer Alter Ego angeschlagen durch die Gegend und übergibt sich, bis ihr ihm ein Alka Seltzer auf einer entsprechenden "B" Bodenplatte eingeflößt habt.

Werdet ihr verletzt, geht eine von sechs Schokoladenstückchen drauf, die eure Lebensenergie darstellen. Esst ihr verstreut herumliegende Schokolade geht es euch aber wieder besser. Mit drei Leben fangt ihr ein Spiel an. Findet Eichhörnchenschweife um zusätzliche Leben zu erhalten. Habt ihr alle eure Leben aufgebraucht lernt ihr den Tod ein wenig näher kennen. Ihr fangt danach wieder mit drei Leben dort an, wo es euch erwischt hat.

Kinoklassiker Marke Rare
Die Krönung eurer Abenteuer sind die Duelle mit den Bossgegnern. Gerade hier jagt ein Brüller den nächsten, wenn ihr seht, was euch da alles über den Weg läuft. Wo gibt es schon ein Spiel, wo ihr gegen eine Maschine antretet, der ihr fleißig mit zwei Backsteinen voll in die Familienjuwelen (jepp, auch eine Maschine kann ein Gemächte haben ) donnert um sie zu besiegen? Oder es begegnet euch ein riesiger Scheißeklos ("Great Mighty Poo"), der euch mit der Stimme eines Pavarotti vorsingt, wie er euch gleich fertig machen wird. Daneben wurde auch von diversen bekannten Zelluloidstreifen geklaut. Fleißige Kinogänger werden berühmte Szenen oder Akteure aus "Matrix", "Der Soldat James Ryan", "The Untouchables", "Alien" oder "Dracula" in rarescher Version zu Gesicht bekommen. Einfach köstlich.

Die Grafik ist erstklassig. Glasklare abwechslungsreiche Texturen erfreuen das Spielerauge. Auch an diversen Lichteffekten wurde nicht gespart. Darüber hinaus ist auch bei der Gestaltung der Level Abwechslung Trumpf gewesen. Ihr taucht durch riesige Jauchegruben, klettert einen riesigen Berg von Scheiße hoch, erfreut euch einer grandiosen Weitsicht auf einem Sprungbrett hoch über einer Scheune, tanzt in einem Club ab oder nehmt im Kreuzfeuer der Verteidiger einen Strand im Sturm ein wie weiland die Alliierten in der Normandie. Die vielen Charaktere sind zudem blendend und überaus witzig animiert. Allen voran natürlich Conker. Legt einfach mal das Joypad bei Seite und lasst euch überraschen, was Conker dann so alles macht. Einfach exzellent.

Durchgehend Spachausgabe!
Für Nintendo 64 Verhältnisse ungewöhnlich, bekommt ihr in "Conker's Bad Fur Day" durchgehend englische Sprachausgabe auf die Ohren. Gleichzeitig wird das Gesagte als Text in comichaften Sprechblasen eingeblendet. Der erwachsenen Zielgruppe entsprechend strotzen die Unterhaltungen nur so vor allerlei Wortspielereien mit einer Menge sexueller Anspielungen (gute Englischkenntnisse nötig!). Dabei haben sich die Macher von Rare mal richtig ausgetobt, so dass ein Lacher dem anderen folgt. Allerdings wird zum Beispiel das beliebte F-Wort, das ein Ingo Appelt zum Beispiel immer so gerne benutzt, politisch korrekt ausgepiepst sowie in den Textblasen durch Symbole überpinselt. Hervorragend auch die professionell agierende Sprecherriege, zumal deren Stimmen sehr gut zu den einzelnen Charakteren passen.

Habt ihr das Spiel einmal durch (trotz 512 MBit Modul ist das Vergnügen schon nach gut 15 bis 20 Stunden zu Ende) ist aber noch lange nicht Schluss mit lustig. Einige Multiplayer-Modi warten auf euch, die ihr dank computergesteuerter Mitspieler auch wunderbar alleine zocken könnt. So findet ihr sowohl diverse Deatchmatch als auch zwei Capture-the-Flag Varianten wieder nebst einigen anderen nicht ganz so aufregenden Games, wie das relativ kurze Rennen gegen Steinzeithooverboarder oder ein Kampf mit Panzern. Daneben dürft ihr auch noch alle Level des Solo-Spieler-Modus auswählen, um die, die euch am besten gefallen haben, ein weiteres Mal zu genießen.

Deatmatch und Capture-the-Flag
Am meisten Spaß bringen aber die Deathmatch und Capture-the-Flag Modi. Ihr bekämpft euch mit einem beachtlichen Waffenarsenal. Sturmgewehr, Doppel Uzi, Raketenwerfer, Flammenwerfer, Magnum, Scharfschützengewehr oder ein Katana Schwert sind nur einige der Wummen, die euch über den Weg laufen werden. Wie im Solo-Modus erinnert die Steuerung mit der Waffe in der Hand an die von "Jet Force Gemini". Einmal den Schießprügel in die Hand genommen feuert ihr in die Richtung, in die ihr gerade lauft oder schaut. Um gezielter zu feuern haltet den R-Button gedrückt um ein Zielkreuz zu aktivieren, das ihr mit dem analogen Stick steuert. Laufen ist dann nur noch über die C-Tasten möglich und das auch nur dann, wenn ihr keine Wumme mit Zielfernrohr benutzt. Dann könnt ihr nur noch nach links und rechts strafen aber nicht mehr vor und zurück laufen. Weitere Einschränkung: Nur eine Waffe ist gleichzeitig erlaubt. Sammelt ihr eine andere auf, ist die bisher verwendete futsch.

Mein Dank geht an Hans Meier, dessen Leihgabe diesen Test erst möglich gemacht hat :)

fazit

Von Rare bin ich ja einiges gewohnt. Mit "Conker's Bad Fur Day" schießt die britische Spieleschmiede aber den Vogel ab. Es ist einfach unglaublich, was sich in diesem 512 MBit Modul alles an urkomischen Gags und an spielerischer Abwechslung verbirgt. Dazu kommt die hervorragende Steuerung und diese tolle Idee mit den "B" Bodenplatten, die euch immer genau das liefern, was ihr gerade braucht. Muss ich da noch erwähnen, das das Leveldesign und die vielen skurilen Rätsel einfach erstklassig geraten sind? Darüber hinaus erfreut ihr euch an filmreifen Zwischensequenzen mit abgedrehten Figuren noch und nöcher. Kurzum: Ein Pflichtkauf für jeden Nintendo 64 Besitzer (sag)!


grafik: 9.5 | sound: 9.0 | gameplay: 10.0 | gesamt: 10.0
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